Teilen ist machbar, Herr Nachbar

Von Petra Ackmann

Da war es wieder: die Gelegenheit, die letzte freie Zeit für sich zu nutzen – vertan. Den letzten freien Samstag stehe ich auf einem Flohmarkt und verkaufe Gebrauchtes, um Erlöse für unsere Flüchtlingskinder einzunehmen. Was für eine Zeitverschwendung. Aber der Reihe nach.

Engagierte Bevölkerung in Barmbek-Süd

Seit Mai 2016 haben wir „unsere“ Flüchtlingsunterkunft in der Heinrich-Hertz-Straße in Barmbek-Süd. Zu dem ersten runden Tisch bin ich mit gemischten Gefühlen gegangen, es war kurz nach Silvester, und ich dachte, ich bin nach der medialen Aufbereitung der Silvesterereignisse die letzte in meinem Quartier, die noch Lust hat auf Integration. Weit gefehlt! Bestimmt 100 Leute waren gekommen, es wurden Arbeitsgruppen zusammen gestellt, und ich war beeindruckt und ermutigt, dass die Bevölkerung eben doch engagierter ist als was man an „öffentlicher“ Stimmung wahrnimmt.

Ich hatte mich eingetragen in der Kindergruppe. Ich bin aus einer Elterninitiative „übrig“ geblieben, wir kümmern uns noch immer als Vorstand einer gemeinnützigen Kita um die Unterbringung der Kinder bei uns im Viertel, und daher schien es naheliegend, die Vernetzung auch für die Flüchtlingskinder zu nutzen.

Dann kamen im Mai die BewohnerInnen, und es waren auch 45 Kinder dabei. Und alles lief anders als gedacht. Der Kontakt ist reglementiert, völlig normal, die Familien wohnen da und wollen und sollen nicht andauernd mit hilfewilligen Einheimischen konfrontiert werden. Und die Gruppe, die sich zur Kinderbetreuung als KinderAG zusammen gefunden hat, bestand beim ersten Treffen aus vier Personen, beim zweiten Treffen aus drei Personen. Übersichtlich.

Glücklicherweise hat sich ein Hauptverantwortlicher aus der Gruppe gefunden, der mit sehr viel Energie an die Sache heran geht, aber es war schon ein wenig befremdlich, wie wenig Resonanz im Stadtteil nach der ersten Euphorie übrig geblieben ist.

Doch dann kam der Flohmarkt

Das zeigte sich auch auf besagtem Flohmarkt. In einer nahegelegenen Schule fand ein Kinderartikelflohmarkt statt, und die (kleine) Arbeitsgruppe hatte beschlossen, mit einem eigenen Stand teilzunehmen und Gebrauchtes gegen Spende für die Flüchtlingskinder zu verkaufen. Denn klar war auch, wir können nichts an Gegenständen oder Klamotten direkt an die Einrichtung spenden, weil das immer ungerecht ist. Wer entscheidet, wer was bekommt etc., also Geld generieren und davon sinnvolles kaufen.

Der Flohmarkt fand in Winterhude statt, also einem wirklich gut betuchten Stadtteil. Die Schule selbst war total unterstützend, das Wetter besser als gedacht und trocken, beste Voraussetzungen also. Aber schon der Aufruf auf Facebook, uns Flohmarktartikel zukommen zu lassen, wurde gesehen, aber gerührt hat sich niemand. Nun hat man als Eltern ja immer etwas im Keller (gerne auch etwas mehr), was nicht mehr gebraucht wird, somit war der Stand schon aus dem eigenen Repertoire sehr gut gefüllt, und die Kollegin aus der KinderAG hatte auch noch Sachen dabei. Und am Stand selbst war klar gekennzeichnet, dass der gesamte Erlös der Kinderbetreuung von Flüchtlingskindern zu Gute kommen wird. Und die Preise waren Flohmarktpreise, also eher zu niedrig als zu hoch.

Geiz ist überhaupt nicht geil

Aber dennoch, es wurde weder großzügig aufgerundet, noch wurde freiwillig gespendet. Eine Frau hat sogar versucht noch weiter runter zu handeln, bis ihr Begleiter meinte, es wäre doch für einen guten Zweck, sie solle doch jetzt aufhören. Ernüchternd.

Alles in allem: Nach einem Vormittag und einem gut besuchten Flohmarkt haben wir ganze € 64,- zusammen bekommen. Trotz guter Warenlage. Und niemand hat freiwillig etwas gespendet. In Winterhude. Meine Freunde haben, als ich am Abend enttäuscht zu Hause saß, gesagt, manche Menschen wären nicht deshalb reich geworden weil sie gerne teilen, ich solle nicht damit hadern. Naja.

Heute denke ich, mit ein wenig Abstand, es lag wohl an dem Tag. Zu schönes Wetter. Das hat man ja selten in diesem Sommer. Und unsere KinderAG tut was sie kann für 45 Kinder, die vor Krieg und Elend geflohen sind, aber wir sind zu dritt. Mit satten € 64,-.

Einmal und nie wieder

Das nächste Mal gehe ich lieber arbeiten und spende, was mir nach einem vormittag nach Steuern übrig bleibt. Dann spare ich mir die Enttäuschung über die reale Hilfsbereitschaft. So viele engagieren sich ehrenamtlich für die Flüchtlinge, opfern ihre Zeit und ihre Energie. Schön wäre es, wenn die, die keine Zeit opfern, zumindest einen Teil ihres Geldes opfern würden. Vielleicht ist das zu naiv gedacht. Aber verstehen oder respektieren werde ich es dennoch nicht. Nicht bei gut situierten Eltern, die selber gerade Kinder haben und großziehen. Da hätte ich mir mehr Empathie gewünscht, die sich auch monetär ausdrückt.

Die Autorin

Petra Ackmann (49) lebt mit Mann und Tochter in Barmbek-Süd und ist selbständige Steuerberaterin. Im Ehrenamt kümmert sie sich jeweils als Vorstandsmitglied um den Verein Kita Barmbeker Lachmöwen e.V sowie die Kemenate Frauen Wohnen e.V. (Unterstützung für wohnungslose Frauen in Hamburg). Sie ist die Landesvorsitzende der Frauen in der SPD (ASF) in Hamburg.

5 Gedanken zu „Teilen ist machbar, Herr Nachbar“

  1. Sehr geehrte Frau Ackmann,

    nur drei Gedanken:

    1. Jene, die nicht „spenden“ – zumal wenn sie gut betucht sind – kommen durch ihre Steuern für einen Großteil jener Aufgaben auf, die früher einmal durchaus voluntaristisch gelöst wurden. Nun, da es staatliche Aufgabe ist, so denken sicher nicht wenige, sollte zusätzliches Spenden für DIESEN Zweck nicht nötig sein.

    Dies führt mich zu

    2. was lässt Sie glauben, dass jene, die keine Waren an Ihrem Stand erworben haben nicht ihr Geld für andere gute Anlässe und Zwecke bereitwilliger zur Verfügung stellten? Oder, um es mit anderen Worten auszudrücken, zweckgebunden Dinge und/oder Personen zu fördern, die weniger staatliche Mittel zur Verfügung gestellt bekommen.

    3. Zuletzt: Ich kenne Ihr Warenangebot auf dem Flohmarkt nicht und kann ihn daher nicht wirklich bewerten – aber scheinbar sind Leute eher bereit Geld für Dinge auszugeben, die sie auch benötigen. Lediglich ca. 11% der Haushalte in Winterhude sind Haushalte mit Kindern. Knapp 70% sind Einpersonenhaushalte – insofern, sollten Sie hauptsächlich Kinderartikel angeboten haben, ist Ihre Zielgruppe nicht sonderlich groß gewesen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Sebastian Seeger

    1. Sehr geehrter Herr Seeger, im einzelnen dazu:
      Na klar, Steuern sind aber niemals Zweckgebunden und so gesehen könnte man durch eine direkte Spende auch direkt etwas bewirken. Und auch die BürgerInnen in den anderen, nicht so gut betuchten Stadtteilen zahlen Steuern, das entbindet aber nicht davon, sich zusätzlich zu engagieren, wenn man kann, finde ich.
      Zu zweitens: Ob sich die Leute woanders engagieren kann ich nicht beurteilen, würde aber behaupten, dass man nicht unterscheiden sollte zwischen Menschen, die Unterstützung brauchen, egal woher sie kommen.
      Und drittens, ich stand auf einem Schul-Flohmarkt, wo die Dichte von Eltern die Kinderartikel kaufen wollen hoch ist, denn es werden eben von Eltern Dinge verkauft, da ist Ihre zitierte Statistik sicher ausgehebelt.
      Und generell gilt natürlich: Mein Artikel basiert auf meinen Erfahrungen, wenn andere eine andere Erfahrung gemacht haben oder andere Beispiele angeben können, wo es anders gelaufen ist, freue ich mich, denn es ist schon eine Erfahrung gewesen, die mich befremdet hat.
      Mit bestem Gruß, Petra Ackmann

    1. Lieber Tim, klar, und das kommt dann auch an ohne dass man lästigen Flohmarktkram nach Hause schleppen muss :-):

      f & w fördern und wohnen AöR
      Hamburger Sparkasse
      IBAN: DE 09 2005 0550 1015 2106 00
      Verwendungszweck: W801 Kinderbetreuung

      Da würden sich die Kinder sicher freuen!

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