Integration vor Ort

Eine Kurzreportage über Hamm-Borgfelde

Von Yannick Regh

Integration vor OrtIn Hamm und Borgfelde sind entlang der Eiffestraße und Wendenstraße vier Flüchtlingsunterkünfte entstanden. Eine zusätzliche feste Wohnbebauung an der Eiffestraße ist geplant. Kann so Integration gelingen?

Unterkünfte in Hamm und Borgfelde

Insgesamt leben in Hamm und Borgfelde 45.500 Menschen. Seit 2014 kommen immer mehr dazu: zu einer bereits bestehenden öffentlichen Unterbringung von Flüchtlingen in der Hinrichsenstraße sind zunächst an der Wendenstraße 282 und an der Eiffestraße 398 eine öffentlich-rechtliche Folgeunterkunft sowie eine Einrichtung für unbegleitet minderjährige Flüchtlinge hinzugekommen. Darauf folgte Ende 2015 sowohl die Erweiterung der Unterkunft in der Eiffestraße 398 um eine Folgeunterkunft als auch Anfang 2016 die Einrichtung einer Zentralen Erstaufnahme in der Wendenstraße 166. Im März dieses Jahres eröffnete zudem ein zusätzlicher Standort an der Eiffestraße 48. Damit leben zurzeit knapp 1.000 Flüchtlinge, vor allem Familien, in Hamm und Borgfelde nah aneinander und meine Wohnung liegt genau gegenüber von zwei Unterkünften.

Kritik an geplanten Wohnungsbauvorhaben

Zu nah für Initiativen wie „Hamburg für gute Integration“, die erschwerte Bedingungen für die Integration von Flüchtlingen vor Ort erwarten, wenn zu Viele an einem Ort untergebracht sind. Diese Kritik bezieht sich vor allem auf die geplanten Wohnungsbauvorhaben. Davon wird es in Hamm und Borgfelde aller Voraussicht nach auch eines geben: direkt an der Eiffestraße 58. Hier sollen, neben einer bestehenden Unterkunft für 300 Menschen, 190 Wohnungen für fast 1.000 Flüchtlinge entstehen, als Ausgleich für die reduzierten Flächen in Billstedt. Würde die Initiative mit ihrer Forderung erfolgreich sein, so würde es in Hamm und Borgfelde maximal zwei Standorte geben. Wo der Rest der Flüchtlinge untergebracht werden soll, wird die Initiative wahrscheinlich nicht konkret beantworten können.

Integration vor Ort kann gelingen

Trotz dieser hohen Zahlen kann Integration vor Ort gelingen und ist bereits gelungen. Ende 2014 habe ich zusammen mit den ersten Unterkunftsleitern von Fördern&Wohnen einen Runden Tisch ins Leben gerufen, um dort mit knapp 80 Vertretern von Vereinen, Kirchen, Institutionen vor Ort sowie staatlichen Stellen zur Integration der ankommenden Menschen beizutragen. Diesen darf ich seit der Gründung leiten. Die Idee dahinter war, den Leitungen der Unterkünfte ein Netzwerk an engagierten Bürgerinnen und Bürgern aus dem Stadtteil zur Verfügung zu stellen, um sich zu vernetzen und vielseitige Angebote in den Unterkünften bereitzustellen. Über den Runden Tisch sind Feste, Aktionen und Hilfe organisiert worden, die es den Flüchtlingen mehr und mehr ermöglichen, sich zu integrieren, sich in Hamburg zurecht zu finden sowie einen Neuanfang zu wagen – ohne Angst vor Verfolgung oder Diskriminierung. Dabei ging es nie um öffentlichkeitswirksame Aktionen, sondern immer nur darum, mit erfolgreicher Stadtteilarbeit neue Freiwillige für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen und den Anwohnerinnen und Anwohnern Kontaktmöglichkeiten zu bieten, um mögliche Ängste abzubauen – bisher mit großem Erfolg.

Barrieren abbauen

Für jede neue Unterkunft organisieren wir eine Willkommensfeier und laden dazu die Menschen aus dem Stadtteil ein, die Flüchtlinge kennenzulernen. Bei den bestehenden Unterkünften gibt es jährlich weitere Feiern. Die Stadtteilinitiative Hamm organisiert zudem für Anfang Juni ein Stadtteilfest im Hammer Park, damit an zentralster Stelle die Menschen zusammenkommen können und Barrieren abgebaut werden. Aber nicht nur Feste werden organisiert. In den Unterkünften gibt es ein breites Angebot von Sprachkursen, Kinder- und Hausaufgabenbetreuung sowie Beratungsangebote. Jedes dieser Angebote wird durch Ehrenamtler bestritten und meistens durch einen Verein oder die Kirchengemeinden materiell unterstützt. So gibt es beispielsweise eine Mütterberatung, gemeinsames Malen mit den Kindern und Ausflüge in die Stadt für Jugendliche aus den Unterkünften sowie aus dem Stadtteil, die jeweils von einem Trägerverein organisiert werden. Bei einem Ausflug zum Tierpark Hagenbeck haben bis zu 100 Menschen teilgenommen und kamen miteinander ins Gespräch. Aber auch Einzelinitiativen werden immer häufiger: eine Gruppe von Freiwilligen hat mit Flüchtlingen eine Tagesfahrt nach Berlin gemacht zum Reichstag. Einer dieser Flüchtlinge hat bereits seine eigene Wohnung und arbeitet für Fördern&Wohnen nun als Dolmetscher. Studiert hat er im Übrigen Wirtschaftswissenschaften und Ingenieurwesen.

Aufnahme in die Gesellschaft

Der persönliche Kontakt zu Ehrenamtlichen und Anwohnerinnen und Anwohnern führt dabei zur Aufnahme in die Gesellschaft. Vorurteile und Ängste können dadurch abgebaut werden. Zum Beispiel ist es mit den unbegleitet minderjährigen Flüchtlingen gegenüber meiner Wohnung ein wenig wie auf Klassenfahrt. Da der „Landesbetrieb Erziehung und Bildung“ sie rund um die Uhr betreut, wechseln Gruppen von ihnen am Abend häufig die Straßenseite, um in Ruhe an einem augenscheinlichen W-Lan Hotspot an ihrem Handy zu sitzen, sich zu unterhalten und Musik zu hören. Die Nachbarschaft wird dadurch kaum gestört und Probleme sind bisher kaum aufgetreten. Der Einsatz von Polizei und Feuerwehr wurde bisher durch das Öffnen von Notausgangstüren ausgelöst.

Bestehende Angebote aus dem Stadtteil nutzen

Integration kann daher nicht bedeuten, dass wir nur in den Unterkünften ein gutes Angebot vorhalten, wodurch die Flüchtlinge nur die deutsche Sprache lernen. Integration bedeutet vielmehr, dass die ankommenden Menschen bestehende Angebote aus dem Stadtteil nutzen, die auch jeder Andere in Hamm und Borgfelde nutzt, und sich frei bewegen. Erfahrungsgemäß ist dies das schwierigste Unterfangen: die Geflüchteten dazu zu bewegen, eigenständig Angebote aus dem Stadtteil wahrzunehmen. Bisher verabreden sich Freiwillige mit einer Gruppe von Leuten, damit man gemeinsam hingeht, teilnimmt und wieder zurückfährt. Dadurch haben wir ein Sportangebot mit dem SC Hamm 02 geschaffen, sodass Männer, Frauen und Kinder Fußball und Handball spielen gehen. Der Verein hat darüber hinaus vor einem Jahr beschlossen, dass er die Flüchtlinge umsonst aufnimmt. Außerdem gibt es ein Theaterprojekt mit geflüchteten Jugendlichen und Jugendlichen aus dem Jugendtreff Hamm e.V. zusammen mit der Theaterguppe „Die Hornköppe“, welche mit Obdachlosen zusammenarbeitet. Zusammen wird diese Gruppe in der Dreifaltigkeitskirche eine Uraufführung geben und dann mehrere Spieltermine an anderen Standorten noch bekannt geben.

Kleiderkammer in der Süderstraße

Aber auch mit einer Kleiderkammer hatten wir Erfolg. Vorläufig ist diese in den Räumlichkeiten der Dankeskirche in der Süderstraße untergebracht und bietet für alle Bewohnerinnen und Bewohner der Unterkunft Kleidung. Ein Mal in der Woche kann dort Kleidung unentgeltlich erworben werden und in den Räumlichkeiten gibt es auch ein Sprachangebot. Unser Spendenaufruf war zudem so erfolgreich, dass wir über drei Monate keine weiteren Spenden annehmen konnten, da die Räumlichkeiten nicht mehr ausreichten. Die Suche nach einem festen Standort geht weiter und wird durch örtliche Unternehmen unterstützt.

Finanzielle Unterstützung

Vieles wird finanziell getragen durch die Mittel von Fördern&Wohnen, aber auch durch die Stadt, den Bezirk sowie Vereine und Stiftungen. So erhält der Raum Hamm, Borgfelde und Hammerbrook mit der Freiwilligenkoordination durch die Caritas 40.000 Euro für die Integrationsarbeit und für den gesamten Bezirk stehen noch zusätzlich 100.000 Euro zur Verfügung, woraus auch Honorarmittel für Projekte finanziert werden können. Außerdem unterstützt der zuständige Regionalausschuss auch das ein oder andere Projekt immer wieder mit einer Anschubfinanzierung. So zum Beispiel das Theaterprojekt oder das Stadtteilfest, aber auch ein Willkommensfest in den Kleingärten der Horner Marsch, welches in Kooperation mit den Unterkunftsleitern organisiert wird.

Zu wenig Dolmetscher

Schwierigkeiten bestehen zunehmend bei der Begleitung von ehrenamtlichen oder hauptberuflichen Dolmetschern zu Behörden oder Ärzten. Die Aufstellung von Dolmetscher-Containern für eine bessere ärztliche Versorgung ist dabei ein richtiger und wichtiger Schritt. Die Möglichkeit Dolmetscher per Videochat zu zuschalten beim Sozialamt, Jugendamt oder Einwohnermeldeamt wäre eine große finanzielle sowie personelle Entlastung für die Einrichtungen und würde zusätzliche Möglichkeiten für neue Angebote zur Integration schaffen.

Es muss um soziale Infrastruktur, Sprachförderung und Begegnung gehen

Auch wenn die Anzahl der untergebrachten Flüchtlinge mit bestimmend ist für die Integrationsfähigkeit des Stadtteils, so steht und fällt die Integration aber vor allem mit dem Engagement der Bürgerinnen und Bürger vor Ort. Engagement bedeutet in diesem Fall nicht, zu versuchen, Unterkünfte in der eigenen Nachbarschaft zu verhindern, sondern jede Einrichtung einer neuen Unterkunft mit neuen Angeboten für eine erfolgreiche Integration zu begleiten und auch über Anzahl, Nutzungsdauer, Belegung, bauliche Änderungen sowie finanzielle Unterstützung zu diskutieren. Ungenutzte Sporthallen, Schulen und Baumärkte tragen weniger zur Integration bei. Die geflüchteten Menschen sind da, müssen untergebracht und ins Stadtteilleben eingebunden werden. Dies lässt sich nur mit konstruktiven Vorschlägen bewerkstelligen, die über die reine Standortdiskussion hinaus gehen sollten. Es muss um soziale Infrastruktur, Sprachförderung und Begegnung gehen.

Begegnungsstätten schaffen, Ängste abbauen

Ohne die bisherige Zusammenarbeit von Bezirk, Stadt sowie Zivilgesellschaft wären all diese Projekte nicht möglich gewesen und somit auch keine Integration. Begegnungsstätten für die alten und die neuen Anwohnerinnen und Anwohner zu schaffen, Ängste abzubauen sowie vorhandene soziale Infrastruktur für Alle auszubauen und zu verbessern, lässt Integration gelingen – nicht die Verhinderung von Unterkünften in der eignen Nachbarschaft.

Der Autor

Yannick Regh (24) ist Bezirksabgeordneter in Hamburg-Mitte und regionalpolitischer Sprecher für Horn, Hamm, Borgfelde, Rothenburgsort. Für Hamm-Borgfelde leitet er den Runden Tisch zur Integration von Flüchtlingen vor Ort. Er studiert im Master BWL mit Schwerpunkt Wirtschaftsprüfung und Steuern. Zudem ist Yannick Regh Vorsitzender des Jugendtreff Hamm e.V. sowie seit 2016 sportpolitischer Sprecher der SPD Bezirksfraktion.

Ein Gedanke zu „Integration vor Ort“

  1. Gut, dass es jetzt diese Seite gibt, die unsere neuen Nachbarn auf nette Weise Willkommen heißt und über Flüchtlingshilfe informiert. Ich habe seit Dienstag eine Patenschaft für ein Flüchtlingsmädchen übernommen und möchte auch dies Interessierten empfehlen.
    Es gibt noch Bedarf für Patenschaften! Jeder Pate kümmert sich einen Nachmittag in der Woche um das Patenkind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.