Frieden – In Afghanistan nur ein Wort

Meine persönliche Fluchtgeschichte – Teil 1

Von Haroon Niazi

Ich erlebte Flucht schon als Kind. Kurz nach meiner Geburt flohen wir nach Pakistan. Afghanistan war sowjetisch besetzt. Die Zivilbevölkerung litt unter den Folgen der Besatzung und den Gefechten zwischen den amerikanisch unterstützten Mujaheddin auf der einen und den sowjetischen Truppen mit ihren Unterstützern auf der anderen Seite. Mama erzählt, dass wir insgesamt zehn Jahre in Pakistan als Flüchtlinge waren. Manchmal musste mein Vater beruflich nach Afghanistan verreisen und dann musste sich Mama alleine um ihre fünf kleinen Kinder kümmern.

Wie fühlt sich Frieden an?

Als Kind weiß man gar nicht, wie sich Frieden anfühlt. Denn man kann nur unterscheiden, ob die jetzige Situation schlechter oder besser ist, als das, was man schon erlebt hat.

Wir hören immer das Wort „Frieden“. Wir wiederholen selbst auch „Wir wollen Frieden“ – was das aber wirklich heißt, wissen wir nicht.

Seit 40 Jahren ist ständig Krieg in unserem Land. Mal die Russen, mal Mujaheddin, mal Taliban und mal Al-Qaida. Die Kinder, die in diesen Jahren geboren sind, kennen bis heute die Bedeutung von Freiheit und Frieden nicht. Frieden steht nur als ein Wort in unserem Lexikon, nichts weiter.

Schulzeit unter den Taliban

Ich ging mit vier Jahren schon zur Schule, weil ich schnell lernte. Bis Ende meines zweiten Schuljahres lebten wir in Pakistan, dann mussten wir zurück nach Afghanistan, denn mein Vater bekam einen festen Job in Mazar-e-Sharif. Schlimm jedoch war, dass die Taliban noch an der Macht waren.

Als kleines Kind musste ich statt Schuluniform afghanische traditionelle Kleidung mit einem Hut und Turban anhaben, um zur Schule zu gehen. Hat man nicht genau das Richtige angehabt, wurde man sehr hart bestraft und geschlagen.

Alles, was ich schon als Kind erlebte, kennen andere Kinder woanders in der Welt nur als ein böses Märchen. Ich hatte eine schwierige Kindheit bis wir nach Kabul umzogen, wo inzwischen eine neue Regierung im Amt war. Ich habe viel gelernt und mich sehr angestrengt, damit ich mich an einer guten Schule anmelden konnte. Eine Schule, die von Deutschland unterstützt wird und eine der Besten Schulen Afghanistans ist: die Amani Oberrealschule.

Etwas Außergewöhnliches tun: Deutsch lernen

Ich wollte immer Dinge anders machen und etwas Außergewöhnliches tun. Daher wählte ich die deutsche Sprache. Ich wollte unbedingt in diese Schule gehen, deswegen habe ich das Goethe Institut in Kabul besucht und Deutsch gelernt, um mich dort anmelden zu können.

Ich war sehr glücklich mit meiner Wahl und es war mein Traum in Deutschland zu studieren. Mein Vater hat mich immer motiviert und mir alles ermöglicht, was ich für meine Zukunft brauche. Mein Vater leitete die Organisation CSDC, einen Dachverband für Nichtregierungsorganisationen, der in den meisten Provinzen Afghanistans mit hunderten Mitarbeitern und tausenden Ehrenamtlichen aktiv war. Während meiner Schulzeit engagierte ich mich auch für diese Organisation. Nach dem Abitur durfte ich Jura und Politikwissenschaft studieren. Während meines Studiums arbeitete ich in der Administration und Finanz-Abteilung von CSDC.

Warum wir wieder flüchten mussten, wie alles wieder begann

Mein Vater war durch seine Arbeit und häufige Auftritte in den Medien sehr bekannt geworden. Meine Mutter engagierte sich für Frauenrechte und führte ihr eigenes Fitnessstudio für Frauen in Kabul und trainierte sie auch. Für die Taliban war all das Tabu!

Mein Vater wurde im Jahr 2013 von der ISAF für den Friedensnobelpreis nominiert. Im gleichen Jahr wurde er unter nicht aufgeklärten Umständen ermordet. Das war nicht nur für unsere Familie, sondern für alle Afghanen ein großer Verlust.

Aber wir arbeiteten weiter. Meine Mutter übernahm die Leitung des Dachverbands aber die Bedrohung wurde so groß, dass man die Gefahr jeden Tag hautnah spüren konnte.

Um unsere Familie zu retten, mussten wir diese harte Entscheidung treffen und alles verlassen. Wir machten uns auf den gefährlichsten Weg unseres Lebens. Was wir alles auf dem Weg erlebten, ist kaum mit Worten zu beschreiben. Darüber schreibe ich später noch mal.

Deutschland und die Deutschen empfingen uns sehr warmherzig. Diesen freundlichen Empfang werde ich nie vergessen und ich werde für dieses Land genau wie für mein Heimatland arbeiten.

Über unseren Weg von Afghanistan nach Deutschland hat auch die FAZ berichtet.

Lesen Sie auch Teil 2: Warum weg aus Afghanistan?

Der Autor

M. Haroon Niazi (23) hat in Afghanistan Jura studiert und für eine Menschenrechtsorganisation gearbeitet. Er lebt seit Anfang 2015 mit seiner Mutter und Geschwistern in Deutschland und seit zwei Monaten in Marienthal/Wandsbek. Gerade besucht er einen Deutschkurs, um sich für die Uni qualifizieren zu können und macht ein Praktikum bei der SPD Hamburg. Er interessiert sich für Politik und will gerne an der Uni Hamburg Politikwissenschaft studieren. In seiner Freizeit dolmetscht er für Neuankömmlinge und hilft bei Behördenproblemen.

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