Ende einer ZEA. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Abschied – Die Zentrale Erstaufnahme im Wiesendamm 24 wurde endgültig geschlossen. Ein Erfahrungsbericht über Helfen und soziales Engagement.

Nun ist es also so weit. Die letzten Bewohner sind gestern in andere Unterkünfte verlegt worden, wir haben noch vier Wochen Zeit für den Rückbau, am 30. Juni 2016 wird die Zentrale Erstaufnahme (ZEA) im Wiesendamm 24 endgültig geschlossen. Fast acht Monate lang war die ehemalige Theaterwerkstatt in Barmbek für ca. 260 Flüchtlinge ihr neues Zuhause geworden, bot den Menschen nach der oft lebensgefährlichen Flucht Sicherheit und ein Stück Geborgenheit.

Bewegender Abschied

Und obwohl der Betrieb der ZEA von Anfang an auf eine Befristung ausgelegt war und alle Beteiligten wussten, dass die Bewohner in komfortablere Unterkünfte verlegt werden, war in den vergangenen zwei Wochen ein seltsames Schauspiel zu beobachten:

Immer mal wieder hielt ein Bus vor dem Haus im Wiesendamm 24, Menschen standen auf dem Gehweg, es wurden Fotos gemacht , fast alle Anwesenden lagen sich weinend in den Armen, egal ob Flüchtling oder Mitarbeiter der Johanniter, die diese Einrichtung betreiben. Man verabschiedete sich, tauschte schnell noch eine Telefonnummer aus, Gruppen von 30, 40 oder 50 Personen bestiegen den Bus, der nach der Abfahrt traurige und weinende Menschen zurück lies. Was war in den letzten Monaten geschehen?

Die ZEA Wiesendamm

Als Mitte letzten Jahres so viele Flüchtlinge nach Hamburg kamen, dass ehemalige Baumärkte, Hallen und andere Objekte als Notunterkünfte errichtet werden mussten, übernahm auch die Johanniter Unfall Hilfe in Hamburg den Betrieb von drei ZEAs, eine davon am Wiesendamm 24. Die Stadt mietete eine ehemalige Theaterwerkstatt, die provisorisch hergerichtet wurde, sodass Mitte Oktober 2015 ca. 260 Menschen aus 14 Nationen in diese Unterkunft ziehen konnten. Familien, Frauen mit ihren Kindern, allein reisende Männer und Frauen.

Ich bin seit dem 1. November 2015 bei den Johannitern beschäftigt und kann mich noch gut an meinen ersten Arbeitstag am Wiesendamm erinnern. Ein wenig aufgeregt und neugierig auf die neue Aufgabe, die neuen Kollegen und auf die Flüchtlinge meldete ich mich bei dem Quartiersleiter Martin Späth. Er führte mich durch das Gebäude, zeigte mir auch den großen Schlafraum mit den schwarzen Wänden, in dem 260 Menschen in 130 Etagenbetten schliefen und lebten. Ich kann mich noch gut erinnern, wie unangenehm es mir war, den Raum zu betreten, denn schließlich handelte es sich um das „Schlafzimmer“ wildfremder Menschen. Und wie überrascht ich war, als ich sah, dass die Familien ihre Betten mit Stoffbahnen abgeschirmt und sich so ein Stückchen Privatsphäre geschaffen hatten und dass die Bewohner sich offenbar nicht unwohl fühlten.

In den nächsten sieben Monaten wurde die ZEA mein zweites Zuhause. Ich war Ansprechpartner, wenn es darum ging, für einen Bewohner einen Arzt- oder Behördentermin zu vereinbaren, einen Dolmetscher zu bestellen, auch mal einen Streit zu schlichten. Ich beobachtete, wie selbstverständlich die – oftmals traumatisierten – Kinder miteinander spielten, lachten und kommunizierten, ohne die Sprache der anderen zu verstehen. Ich hörte Arabisch, Dari, Farsi, Tigrina, Russisch und andere Sprachen. Ich bewegte mich nach kurzer Zeit wie selbstverständlich unter den Bewohnern und war ein wenig stolz, wenn afghanische oder syrische Männer sich bei meinem Anblick erhoben, um mir zum Gruß zuzunicken oder mich zu fragen, ob sie mir bei der einen oder anderen Aufgabe helfen könnten.

Respektvoller Umgang

Ich beobachtete, wie respektvoll die Flüchtlinge in der Regel miteinander und mit den Johannitern umgingen, wie würdevoll einige von ihnen auftraten. Es war selbstverständlich für uns Mitarbeiter, sich unseren Gästen gegenüber ebenfalls respektvoll und zurückhaltend zu verhalten, gleichzeitig zu signalisieren, dass wir jederzeit für sie da waren.

Einige der Bewohner wurden in andere Bundesländer transferiert, neue Bewohner kamen. Andere, die innerhalb Hamburgs verlegt wurden, standen am nächsten Tag wieder vor der Tür und baten darum, zurückkommen zu dürfen. Es waren im Wiesendamm Bekanntschaften und Freundschaften entstanden, die meisten Menschen fühlten sich wohl.

In Barmbek gab und gibt es eine sehr gut organisierte Gruppe von Ehrenamtlichen, die uns bei unserer Arbeit unterstützten. Ausflüge mit den Bewohnern machten, Hilfe bei der Essensausgabe oder der Kinderbetreuung, bei sportlichen Aktivitäten, Basteln, Musizieren und viel mehr anboten. Die Stadtteilschule Meerweinstraße stellte zusätzliche Lehrkräfte ein und unterrichtete unsere ca. 30 schulpflichtigen Kinder. Die Schüler und Lehrer der Heinrich Hertz Schule in Winterhude organisierten zwei Benefizabende und sammelten Spenden, die unserer ZEA und der Integration von Geflüchteten zu Gute kommen. Ich hatte das Glück, viele dieser engagierten Menschen kennen lernen zu dürfen.

Mensch ärgere Dich nicht: Besuch in der ZEA Wiesendamm

Während dieser gesamten Zeit habe ich viel gelernt, in erster Linie von Martin Späth, der das Wohl der Bewohner und seiner Mitarbeiter immer fest im Blick hat.

Und die Kollegen? Waren wir anfangs eine Gruppe von 16 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die aus völlig unterschiedlichen Bereichen mit unterschiedlichen Kenntnissen und Fähigkeiten, Stärken und Schwächen zu den Johannitern gekommen waren, so sind wir während der letzten Monate zu einem Team gewachsen. Ich habe während meines langen Berufslebens keine intensivere und – meine Ex-Kollegen mögen es mir verzeihen – keine schönere Zeit erlebt als die Zeit am Wiesendamm. (Fast :-) ) jeden Tag freute ich mich darauf, diese Menschen zu treffen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ich bin sehr dankbar, ein Teil dieses Teams zu sein und diese Menschen getroffen zu haben.

Wie geht es weiter?

Für die Flüchtlinge, die in Folgeunterkünfte oder ZEAs mit kleineren Wohneinheiten transferiert wurden, hat sich die Wohnsituation verbessert. Sie wohnen in der Regel in vier Personen Containern, bleiben in Hamburg, werden sich an ihre neue Umgebung gewöhnen. Den einen oder anderen werde ich sicherlich wieder treffen, über soziale Netzwerke bleibt man in Kontakt. Ich bin mir sicher, dass diese Menschen ihre ersten Monate in Hamburg, uns, die Johanniter und die Ehrenamtlichen nicht vergessen werden. Beim Abschied vor wenigen Tagen lagen mir viele dieser gestandenen Männer weinend in den Armen, Frauen hatten Tränen in den Augen. Ich glaube, wir haben mehr als einen guten Job gemacht.
Auf meine Kollegen und mich warten neue Aufgaben. Wir werden uns die Tränen aus den Augen wischen, uns neu sortieren und dann den nächsten Flüchtlingen helfen, in Hamburg anzukommen und sich zurechtzufinden. Das ist unser Job. Ich freue mich darauf!

Ach ja: ich erwähnte den Schlafsaal mit den schwarzen Wänden. Vor einigen Wochen haben Bewohner, Ehrenamtliche und Johanniter in einer gemeinsamen Aktion die Wände gestrichen und wahre Kunstwerke in das Gebäude gezaubert. Alle hatten viel Spaß bei der Arbeit, es wurde viel gelacht. Der Raum wirkt nun viel freundlicher und fröhlicher als in den ersten Monaten. Mehr Symbolik geht nicht.

Der Autor

Peter Alexander lebt mit seiner Ehefrau und seinen zwei Töchtern in Hamburg Sasel. Nach einem Geschichts- und Ethnologiestudium und unterschiedlichen Stationen als Angestellter und Selbstständiger ist er seit November 2015 bei der Johanniter Unfall Hilfe e.V. im Bereich Flüchtlichshilfe tätig.

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